Haben oder Sein?
In welcher Haltung wandeln wir durchs Leben?
Festhalten, besitzen, zu eigen machen?
Oder staunen, lieben, genießen und teilen?


Haben oder SeinIn diesem Sommer haben wir in der Ortenau eine besondere Einladung, uns diese Frage zu stellen. So wie der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm, der in den siebziger Jahren grundsätzlich nach "den seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft" fragte:
Haben oder Sein?
Wenn wir über die Landesgartenschau spazieren, können wir "sein" und die Augen öffnen: Für die Lebenskraft, die der Schöpfung innewohnt, und die auch in uns atmet. Für die anderen Menschen, die mit uns in dieser Welt unterwegs sind. Für Gottes Kreativität an uns und mit uns.
Das gleiche machen wir auch in der Evangelischen Erwachsenenbildung: Wir entwickeln Angebote, schauen, welche Fragen aufkeimen, was an Erkenntnissen wächst und welche Früchte wir genießen können. Sie können als Teilnehmende mitwirken, oder auch mehr Verantwortung übernehmen... melden Sie sich, wenn Sie Ihre Ideen einbringen wollen! Das gilt selbstverständlich nicht allein für die Landesgartenschau, sondern unsere gesamte Arbeit in der Evangelischen Erwachsenenbildung.
Ja, die EEB ist selbst so ein Pflänzchen! Vor 50 Jahren wurden die ersten Impulse gesät, dass wir auch als Evangelische Kirche in der Allgemeinen Weiterbildungslandschaft unsere Gaben zum Blühen bringen können. Längst haben sich Strukturen herausgebildet, zum Beispiel unsere Regionalstelle in der Ortenau. Hier können wir auf die Menschen und ihre Themen vor Ort eingehen, zumindest versuchen wir es immer wieder. Wir freuen uns, wenn Sie mit uns im September Geburtstag feiern! (mehr dazu im Heft auf Seite 41) Dass auch die EEB weiterhin am wachsen ist, werden Sie im nächsten Heft besonders merken, dann werden wir nämlich mit einem neuen Erscheinungsbild auftreten. Hoffentlich werden Sie uns dann noch wiedererkennen! Aber so manche Metamorphose gibt es in der restlichen Schöpfung ja auch. Wir freuen uns also, wenn Sie uns treu bleiben, mitdenken, mitgehen, mitstaunen, ... und das Da-Sein pflegen.
Bis hoffentlich bald bei der ein oder andren Gelegenheit,

Ihre Claudia Roloff

Zum Buch der Natur:

Das Buch Genesis erzählt: Am Anfang war Tohuwabohu, war das Chaos. Und Gott ordnete das Chaos und ließ es zum Kosmos werden. Mit dem Wort Kosmos verbanden die griechischen Denker die Vorstellung von Schönheit und Ordnung. Unser Wort Kosmetik kommt daher. Sie macht unser Gesicht ordentlich und schön. Daher liegt der Gedanke nahe, dass wir aus der Natur, aus dem Kosmos etwas über Gott ablesen können. "Jedes Geschöpf dieser Welt, ist uns Buch, Bild und Spiegel" sagt Meister Alanus ab insulis im 11. Jahrhundert "Omnis mundi creatura quasi liber nobis est et pictura et spectaculum". Eine ganz andere Variante stammt von Rosa Liebknecht, die 1927 aus dem Gefängnis schreibt: "Sie fragen wozu das alles? Wozu ... ist überhaupt kein Begriff für die Gesamtheit des Lebens und seiner Formen. Wozu gibt es Blaumeisen auf der Welt? Ich weiß es wirklich nicht, aber ich freue mich, daß es welche gibt, und empfinde als süßen Trost, wenn mir plötzlich über die Mauer ein eiliges Zizibä aus der Ferne herübertönt".
Hans-Georg Dietrich, Schuldekan
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"Bäume sterben aufrecht!"

sagt der Ranger bei einer Führung am Schliffkopf im Nationalpark Schwarzwald. Er bleibt mit der Gruppe neben drei ausgebleichten Baumgerippen stehen. Er erzählt, wieviel Leben sich in diesen toten Bäumen findet: Borkenkäfer schieben ihren abgeflachten Körper unter die Rinde. Spechte suchen nach Käferlarven. Bestimmte Wespen legen ihre Eier in die Larven anderer Insekten. Einige Pilze siedeln sich nur auf vermoderndem Holz an.
"In meinem eigenen Privatwald", erklärt der Ranger weiter, "hätte ich die Bäume natürlich längst rausgeschafft, bevor sie ganz abgestorben wären. Denn ich muss ja auch von was Leben. Aber hier im Nationalpark dürfen sie stehen bleiben!"
Irgendwann werden sie umfallen und sich weiter zersetzen. Die Phase des Vergehens dauert fast ähnlich lang wie das Wachsen eines Baumes. Als wir in den 80-iger Jahren des letzten Jahrhunderts in die Ortenau zogen, war saurer Regen und Waldsterben ein großes Thema. Viele gingen davon aus: in den Höhenlagen des Schwarzwaldes, die den Westwinden und damit den Schadstoffen besonders ausgesetzt sind, stehen bald nur noch Baumgerippe. Manche riefen oben beim Mummelsee an, wie es denn aussähe und ob sich ein Urlaub im Schwarzwald noch lohne. Obwohl der Waldzustand weiterhin schlecht ist, kam es nicht zu dem befürchteten Desaster.
Stattdessen kam der Nationalpark Schwarzwald. Er bietet Führungen an zu Flächen, die schon seit 70 oder 100 Jahren Bannwald sind und in denen man sterbende und gestorbene Bäume sehen kann. Sie sind jetzt kein Grund zur Besorgnis wie vor gut 30 Jahren, sondern Vorboten der gewünschten Wildnis. Manche entdecken in diesen Flächen des Werdens und Vergehens ein Gleichnis für das Leben. Sie schöpfen daraus Gelassenheit, Hoffnung und Zuversicht, dass auch das eigene Leben eingebunden ist in einen größeren Kreislauf, dass nichts verloren geht und dass alles - auch das eigene Leben - einen Sinn hat.
Sind diese sehr lebendigen Totholzflächen ein positives Bild vom Sterben ("sterben aufrecht") und ein Gleichnis für Auferstehung?
Oder zeigt sich hier ein Kreislaufgedanke von immer neuem Sterben und von Wiedergeburten, wie wir das vom Hinduismus und Buddhismus her kennen?
Und was bedeutet die christliche Auferstehungshoffnung eigentlich?
Gilt sie auch für Käfer, Pilze und geschossene Hirsche?
Und auch für sterbende Bäume?
Herbert Kumpf, Schuldekan Region Kehl
 
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"Das würde ich einem Erwachsenen über die Natur sagen..."
... von Kindern der Grundschule Diersheim, Klasse 3c

Die Natur ist sehr wichtig für Menschen und Tiere. Die Erde ist auch sehr wichtig, damit wir auf irgendwas stehen können. Ohne sie könnten wir auch keine Kartoffeln einpflanzen und ohne Essen können wir nicht leben. (Dina)

Ihr sollt die Natur schätzen! Ihr sollt nicht immer mit dem Auto fahren! Kommt raus aus euren Häusern und entdeckt die Natur! [...] Ich gehe gerne zu meinen Hühnern. Sie freuen sich sehr über die Natur mit ihren Farben und Tönen. (Lucy)

Wir brauchen Luft zum Atmen. Die Sonne ist auch wichtig, weil ohne sie wäre es dunkel. Die Tiere sind auch wichtig, ohne sie hätten wir keinen Honig, weil Bienen Honig machen. (Anesa)

Die Natur ist sehr wichtig für uns, z.B. die Bäume erzeugen Sauerstoff. Wir brauchen frische Luft. [...] Vielleicht siehst du gerne den Sternenhimmel an? (Mika)

gesammelt und notiert von Juliane Krebs
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Sprache als Garten und Urwald

"Wohl spreche ich von Kindheit auf Französisch gleichermaßen wie Deutsch. ... Den Unterschied zwischen den beiden Sprachen empfinde ich in der Art, als ob ich mich in der französischen auf den wohlgepflegten Wegen eines schönen Parkes erginge, in der deutschen aber mich in einem herrlichen Wald herumtriebe. ... Die Vollkommenheit des Französischen besteht darin, einen Gedanken auf die klarste und kürzeste Weise ausdrücken zu können, die des Deutschen darin, ihn in seiner Vielgestaltigkeit hinzustellen."
Albert Schweitzer, Aus meinem Leben und Denken S.50/51
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